Western States 100: Der älteste 100-Meiler der Welt
Jedes letzte volle Juni-Wochenende ertönt um 5 Uhr morgens ein Startschuss am Fuß des Skigebiets Palisades Tahoe in Kalifornien. Eine Welle von rund 380 Läuferinnen und Läufern stürzt sich in die Morgendämmerung, um das Escarpment zu erklimmen — das erste Hindernis einer 161 Kilometer langen Reise zur Leichtathletikbahn von Auburn. Dieses Rennen ist der Western States Endurance Run — der WSER, oder einfach Western States 100.
Es ist der älteste 100-Meiler-Trail der Welt, die Wiege des modernen Ultratrails und bis heute der weltweite Maßstab. Eintauchen in das Rennen, das alles erfunden hat.
1. Der Ursprung: ein lahmes Pferd und ein sturer Mann
Die Geschichte von Western States beginnt dort, wo sie eigentlich nicht beginnen sollte: auf dem Rücken eines Pferdes. Der Tevis Cup, ein 100-Meilen-Pferderennen zwischen der Sierra Nevada und Auburn, existiert seit 1955. Er wurde von Wendell Robie ins Leben gerufen, einem Banker aus der Region, der überzeugt war, dass ein gut vorbereitetes Pferd diese Distanz an einem einzigen Tag bewältigen kann.
Im Jahr 1974 erscheint ein junger Pferdeliebhaber namens Gordy Ainsleigh an der Startlinie des Tevis Cup. Doch sein Reittier ist verletzt. Statt aufzugeben, beschließt er, das Rennen zu Fuß zu bestreiten. Und nicht als Tourist: Er peilt die 24 Stunden an, die Referenzzeit der Reiter. Niemand glaubt daran. „Das übersteigt die menschlichen Fähigkeiten", erklärt Wendell Robie.
Gordy beendet das Rennen in 23 Stunden und 42 Minuten. Er wird der erste Mensch, der 100 Meilen im Gebirge in weniger als 24 Stunden läuft. Die Legende ist geboren. Drei Jahre später, im Jahr 1977, findet die erste offizielle Ausgabe des Western States Endurance Run statt. Seither hat er nicht mehr aufgehört.
2. Die Eckdaten
| Daten | Wert |
|---|---|
| Distanz | 100,2 Meilen (~161 km) |
| Positiver Höhenunterschied | ~5 500 m Hm+ |
| Negativer Höhenunterschied | ~7 000 m Hm− |
| Maximale Höhe | 2 667 m (Emigrant Pass, km 4) |
| Minimale Höhe | 215 m (Auburn) |
| Gesamt-Cut-off | 30 Stunden |
| Sub-24 h | „Silver buckle" (silberne Gürtelschnalle) |
| 24–30 h | „Bronze buckle" (bronzene Schnalle) |
| Format | Linear, Point-to-point, immer im Uhrzeigersinn |
| Quote | ~380 Starter |
Das Profil ist trügerisch: 5 500 m Hm+ wirken „leicht" verglichen mit einem UTMB (10 000 m Hm+) oder einem Hardrock 100 (10 000 m Hm+ bei 3 400 m durchschnittlicher Höhe). Aber Western States gewinnt oder verliert man anderswo: in den Canyons, in der Hitze und bei der Furt durch den Middle Fork.
3. Die Strecke: Lake Tahoe → Auburn, Point-to-point
Es ist eines der schönsten Rennen der Welt, gerade weil es nicht im Kreis verläuft. Man startet in der hohen Sierra und steigt Tal für Tal hinab bis ins Mother Lode Country, das Land der Goldsucher des 19. Jahrhunderts.
Die emblematischen Abschnitte in der Reihenfolge:
- Escarpment (Meile 0–4): 800 m brutaler Anstieg gleich nach dem Start, um den Emigrant Pass auf 2 667 m zu überqueren. Hier zeigt sich fünfzehn Stunden später, ob die gequälten Beine standhalten — oder nicht.
- Lyon Ridge → Robinson Flat (Meile 4–30): lange Überquerungen auf den Kämmen der Sierra, immer noch über 2 000 m. Hier formiert sich das Feld.
- Die Canyons (Meile 43–62): drei aufeinanderfolgende Canyons — Deadwood, El Dorado, Volcano — mit vertikalen Abstiegen, gefolgt von brutalen Wiederanstiegen. Hier herrschen +45 °C in der prallen Sonne. Viele Favoriten brechen in diesem Abschnitt ein.
- Devil's Thumb (Meile 47): ein legendärer Anstieg von 500 m auf 2 km, steil, bei 40 °C, mitten im Rennen.
- Foresthill (Meile 62): Schlüsselverpflegung, Treffpunkt mit den Pacern (ab hier erlaubt), tobende Menge auf der Hauptstraße der kleinen Stadt.
- Cal Street (Meile 62–78): der lange, rollende Abstieg zum Fluss, oft entscheidend für die Gesamtwertung.
- Rucky Chucky River Crossing (Meile 78): die Furt durch den Middle Fork des American River. Je nach Wasserstand waten die Läufer mit einem Sicherheitsseil hindurch oder werden mit einem Boot übergesetzt. Ikonisches Bild des Rennens.
- Green Gate → Auburn Lake Trails (Meile 78–94): steiler Aufstieg aus dem Fluss, dann rollender Pfad durch die Eichenwälder.
- No Hands Bridge (Meile 96,8): eine fotogene Hängebrücke über den American River, 5 km vor dem Ziel.
- Placer High School Track (Meile 100,2): letzte Runde auf der Leichtathletikbahn in Auburn. Das Ziel liegt auf einer roten Tartanbahn, im Scheinwerferlicht, wenn es bereits Nacht ist. Ein Bild, das sich in das Gedächtnis aller Finisher eingebrannt hat.
4. Die Hitze: der unsichtbare Gegner
Wenn es eine Variable gibt, die Western States schwerer macht, als es die Zahlen vermuten lassen, dann ist es die Hitze. Die Temperaturen in den Canyons können am späten Nachmittag 43–45 °C erreichen. Die Renndirektion kann im Vorfeld eine „Heat-Training-Pflicht" aktivieren, wenn die Wettervorhersage extreme Bedingungen ankündigt: Die Läufer müssen dann Sauna-Sessions nachweisen.
Die Hitzeopfer — Hyponatriämie, Hitzschlag, Rhabdomyolyse — sind zahlreich. Aus diesem Grund schreibt der WSER drei verpflichtende medizinische Kontrollen vor (Robinson Flat, Foresthill, Green Gate), inklusive Wiegen. Jeder Gewichtsverlust von mehr als 7 % führt zur gesundheitsbedingten Disqualifikation.
5. Die Schnallen: ein einzigartiges Belohnungssystem
Im Ziel gibt es keine klassische Medaille. Die Finisher erhalten eine Gürtelschnalle aus Metall, graviert mit ihren Initialen und ihrer Startnummer. Zwei Stufen:
- Silver buckle (silberne Schnalle): für Läufer, die in unter 24 Stunden ankommen. Das heilige Ziel aller Ehrgeizigen.
- Bronze buckle (bronzene Schnalle): für Läufer, die in unter 30 Stunden ankommen. Bereits eine Leistung, die ein Leben lang in Erinnerung bleibt.
Für viele amerikanische Läufer bleibt die Silver buckle der absolute Heilige Gral. Statistisch schwieriger zu erreichen als ein Sub-3 im Marathon.
6. Die Lotterie: das Dezember-Ritual
Wie Hardrock ist auch Western States ein Opfer seines eigenen Erfolgs geworden. Die Quote ist auf ~380 Starter begrenzt. Um teilnehmen zu können, muss man:
- Eines der vom WSER anerkannten Qualifikationsrennen beendet haben (über 40 Ultras weltweit, darunter UTMB, TDS, mehrere US-100-Meiler).
- Sich für die Lotterie im Dezember anmelden.
- Bei der live übertragenen Zeremonie Anfang Dezember ausgelost werden.
Das System ist kumulativ: Ein nicht gezogener Läufer kann seine Tickets im Folgejahr verdoppeln. Nach 6–7 Jahren rücken manche schließlich „durch Hartnäckigkeit" auf. Eine neue Qualifikation hat 2026 etwa 2 bis 4 % Chance, beim ersten Versuch gezogen zu werden.
Die Eliten kommen direkt über das Golden Ticket hinein: 4 Plätze für Männer und 4 Plätze für Frauen auf den Podien ausgewählter Rennen (Bandera, Black Canyon, Canyons, Transgrancanaria…).
7. Die Legenden
Jim Walmsley (USA)
Der unangefochtene König des Rennens. 4 Siege (2018, 2019, 2021, 2022) und ein absoluter Rekord in 14h09'28" im Jahr 2019 — eine Zeit, die lange als unantastbar galt. Walmsley hat neu definiert, was auf dieser Strecke möglich ist.
Caleb Olson (USA)
Im Jahr 2025 kratzte das neue amerikanische Wunderkind in 14h11'25" am Rekord — die zweitbeste Leistung aller Zeiten, weniger als zwei Minuten hinter Walmsley.
Courtney Dauwalter (USA)
Dreifache Siegerin (2018, 2023, 2024) bei den Frauen, mit dem Frauenrekord im Jahr 2023 (15h29), der inzwischen verbessert wurde.
Abby Hall (USA)
Siegerin im Jahr 2025, zwei Jahre nach einem schweren Schienbeinbruch. Viertschnellste Zeit der Geschichte bei den Frauen. Eine Geschichte der Resilienz, die die Community geprägt hat.
Katie Schide (USA/Frankreich)
Mehrfach Top 5 und Podium, mittlerweile Weltreferenz auf der 100-Meilen-Distanz mit ihrem jüngsten Rekord beim Hardrock.
Frühere Helden
Tim Twietmeyer (5 Siege in den 90ern), Ann Trason (14 Siege bei den Frauen!), Yiannis Kouros, Scott Jurek (7 aufeinanderfolgende Siege von 1999 bis 2005)…
8. Warum ist dieses Rennen so besonders?
Western States ist weder das härteste noch das schönste noch das höchste. Warum dominiert es also weiterhin die Vorstellungswelt der Ultra-Community?
- Die Geschichte: Es ist das erste. Alles beginnt hier. Alle anderen 100-Meilen-Trails der Welt — UTMB, Hardrock, Tor des Géants, Diagonale des Fous — sind in gewisser Weise Nachkommen des WSER.
- Das Point-to-point-Format: eine echte Reise. Keine Schleife, kein Hin und Her, nur ein gespannter Faden zwischen Hochgebirge und Tal.
- Die amerikanische Inbrunst: Pacer, Crews, ausgeklügelte Drop Bags, tobende Menge in Foresthill und im Stadion von Auburn. Ein intensives Community-Event, gleichzeitig ultra-amateurhaft und ultra-professionell.
- Die Gürtelschnalle: ein Objekt, das stärker wirkt als eine Medaille, weil es im Alltag getragen wird.
- Die Schlussbahn: diese letzte Leichtathletikrunde in Auburn, unter Scheinwerfern, mit dem Sprecher, der den Namen ausruft, gehört zu den eindrücklichsten Bildern des Sports.
9. Wie bereitet man sich vor?
Die klassische Vorbereitung eines ambitionierten Amateurs, der das Finish anpeilt:
- Volumen: 100 bis 150 km/Woche über 12 Wochen
- Hitze: 2–3 Wochen Heat-Training (Sauna oder heißes Bad) in den letzten 3 Wochen
- Abstieg: erhebliches Volumen an langen Abfahrten (die Quadrizeps geben in den Canyons vor den Waden auf)
- Mental: Vorbereitung auf lange Nachtabschnitte nach 24 Stunden Anstrengung
- Logistik: Crew aus 2–3 Personen, qualifizierter Pacer ab Foresthill, sorgfältig vorbereitete Drop Bags
- Höhenanpassung: marginal (der Großteil der Strecke verläuft nach Robinson Flat zwischen 300 und 1 200 m)
Der klassische Fehler: in der Sierra zu schnell starten, „frisch" in Robinson Flat ankommen und in den Canyons in der Mittagshitze explodieren. Erfahrene Finisher sagen alle dasselbe: Das Rennen beginnt in Foresthill (Meile 62), nicht am Start.
Fazit
Western States, das ist die DNA des modernen Trailrunnings. Ein Rennen, geboren aus einem lahmen Pferd und einem Mann, der sich weigerte aufzugeben, das 50 Jahre später zur Weltreferenz im 100-Meilen-Bereich geworden ist. Ein Wettkampf, bei dem man einen Fluss zu Fuß durchquert, bei Tagesanbruch eine Hängebrücke überquert und auf einer Leichtathletikbahn unter dem Jubel der Menge ins Ziel kommt.
Wenn die Hardrock 100 die Weigerung gegen die Kommerzialisierung verkörpert, dann verkörpert Western States etwas anderes: die Erinnerung. Das Rennen, mit dem alles begonnen hat. Jenes, zu dem alle anderen aufschauen.
"It will change your life." — Satz, der bei jedem Briefing vor dem Rennen zu hören ist.